Hölzerner Wegweiser mit zwei Schildern im Wald – Symbol für Orientierung bei der Pflegereform

Pflegeneuordnungsgesetz: Stand Juli 2026 — was jetzt geplant ist und was Sie als Angehörige sichern sollten

Autorin: Annika Joos – Pflegefachfrau & ehemalige Qualitätsprüferin der Heimaufsicht
Lesezeit: 8 Minuten

Worum es geht — in 3 Sätzen

Der Kabinettsbeschluss zum Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) ist mehrfach verschoben worden – zuletzt kam der Entwurf auch am 6. Juli 2026 nicht ins Kabinett, als nächster möglicher Termin gilt der 15. Juli. Seit dem 4. Juni 2026 liegt der über 200 Seiten starke Referentenentwurf vor. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will damit ein Defizit der Pflegekassen von über 7,5 Milliarden Euro im Jahr 2026 schließen — laut eigener Schätzung sogar zweistellig in den Folgejahren. Für Sie als pflegende Angehörige heißt das: einige Regeln werden voraussichtlich strenger, einige Zuschüsse verzögert — und es lohnt sich, jetzt zu handeln, bevor sich Antragswege ändern.

Ich schreibe Ihnen hier auf, was wirklich sicher ist, was geplant ist und was Sie in den nächsten Wochen erledigen sollten. Ohne Panik, aber mit klarer Reihenfolge.


🔄 Update (13. Juli 2026): Kabinettsbeschluss erneut verschoben – das steht jetzt im Referentenentwurf

Der ursprünglich für den 20. Mai erwartete Kabinettsbeschluss ist bis heute nicht gefallen. Der Entwurf stand weder im Juni noch am 6. Juli auf der Tagesordnung des Bundeskabinetts; als nächster möglicher Termin gilt der 15. Juli 2026. Eine Verabschiedung vor der parlamentarischen Sommerpause gilt als ausgeschlossen. Seit dem 4. Juni liegt der über 200 Seiten starke Referentenentwurf vor – und steht von Kommunen über Pflege- und Sozialverbände bis in die Koalition hinein in der Kritik. Das sind die wichtigsten geplanten Änderungen für pflegende Angehörige:

  • Vier neue Budgets ab 2027: Das Pflegegeld soll im „Entlastungsbudget“ aufgehen (Pflegegrad 2: 386 € statt 347 € – daraus wäre aber auch selbst organisierte Ersatzpflege zu bezahlen), die Pflegesachleistungen im „Sachleistungsbudget“ (Pflegegrad 2: 889 € statt 796 €), der Entlastungsbetrag im „Sozialraumbudget“ (175 € ab 25 Jahren, 300 € für Jüngere – nicht übertragbar), Verhinderungs- und Kurzzeitpflege im „Überbrückungsbudget“.
  • Deutlich weniger Geld für Ersatz- und Kurzzeitpflege: Statt des gemeinsamen Jahresbetrags von 3.539 € sähe das Überbrückungsbudget nur noch 1.855 € (Pflegegrad 2/3) bzw. 2.285 € (Pflegegrad 4/5) pro Jahr vor.
  • Strengere Einstufung: Die Schwellenwerte für die Pflegegrade 1 bis 3 sollen steigen – Ersteinstufung und Höherstufung würden schwieriger.
  • Pflegegrad 1 verliert am meisten: Der Entlastungsbetrag (131 €/Monat) soll dort ersatzlos entfallen, die Pflegehilfsmittel-Pauschale wäre keine eigene Leistung mehr.
  • Halbes Budget für Neueingestufte: Wer erstmals Pflegegrad 2 oder 3 erhält, soll in den ersten drei Monaten nur die Hälfte des Entlastungsbudgets bekommen.
  • Rente für Pflegepersonen: Neue Rentenanwartschaften sollen um rund 30 % sinken, die 99,99-%-Teilrenten-Regelung soll ab 2027 entfallen. Bereits erworbene Ansprüche bleiben erhalten.
  • Heim-Eigenanteile: Die Zuschlagsstufen sollen gestreckt werden – 75 % Zuschlag gäbe es erst ab dem 55. statt ab dem 37. Monat.
  • Zwei Lichtblicke: Ab 2028 sollen die Leistungsbeträge jährlich an die Inflation angepasst werden, und es soll ein Anspruch auf professionelle „Pflegebegleitung“ kommen.

Was heißt das für Sie? Nichts davon ist beschlossen – geplantes Inkrafttreten der ersten Maßnahmen ist der 1. Januar 2027. Meine fünf Praxis-Punkte weiter unten gelten damit unverändert, eher dringlicher: Anträge, Höherstufungen und die Verhinderungspflege noch nach aktuellem Recht sichern.

Quellen zum Update: Referentenentwurf des BMG (4.6.2026), Altenheim.net (19.6.2026), Altenheim.net (6.7.2026), pflege.de (Stand 1.7.2026).

1. Was bereits sicher ist (Stand: 13. Juli 2026)

Pflegegrade bleiben — aber die Einstufung wird strenger

Warken hat öffentlich bestätigt: Die fünf Pflegegrade bleiben bestehen. Streichungen sind vom Tisch. Was sich aber ändern soll: die Voraussetzungen für die Einstufung — vor allem für Pflegegrad 1, 2 und 3 — sollen wieder enger gefasst werden. Begründung: Die 2017 stark abgesenkten Schwellenwerte seien finanziell nicht mehr tragbar.

Was das für Sie heißt: Wenn jemand in Ihrer Familie pflegebedürftig wird oder sich der Zustand verschlechtert hat und Sie noch keinen Antrag gestellt haben — stell ihn jetzt, nicht nach Inkrafttreten der Reform. Der Antrag wird nach dem Stand zum Zeitpunkt der Antragstellung beurteilt.

→ Direkt einschätzen: Pflegegrad-Rechner (kostenlos)

Renten-Plus für Pflegende steigt ab 1. Juli 2026

Eine gute Nachricht zwischendurch: Der aktuelle Rentenwert steigt zum 1. Juli 2026 auf 42,52 Euro. Damit steigt auch die Rente, die Sie sich durch Ihre Pflegetätigkeit aufbauen — bei Pflegegrad 5 mit Pflegegeld bis zu 38,84 Euro monatliche Rentenerhöhung pro Jahr Pflegetätigkeit.

Voraussetzungen (gelten weiterhin):

  1. Die gepflegte Person hat mindestens Pflegegrad 2
  2. Sie pflegen mindestens 10 Stunden pro Woche, verteilt auf mindestens 2 Tage
  3. Sie arbeiten nebenher höchstens 30 Stunden/Woche
  4. Die Pflege findet in häuslicher Umgebung statt
  5. Die pflegebedürftige Person erhält Leistungen aus der Pflegeversicherung

Was viele nicht wissen: Auch im Ruhestand können Sie weiter Rentenpunkte sammeln — wenn Sie eine Teilrente von 99,99 % statt einer Vollrente beziehst. Klingt nach Detail, ist aber bares Geld. Frag Ihren Rentenberater oder direkt die Deutsche Rentenversicherung.

→ Tracker für Ihre Pflegezeiten: Pflegetagebuch nach NBA

Entbürokratisierungsgesetz seit Januar 2026 in Kraft

Eine Reform ist bereits aktiv: das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege (verabschiedet am 6. November 2025, in Kraft seit 1. Januar 2026). Wichtigste Änderungen für Sie:

  1. Pflegefachpersonen dürfen mehr Aufgaben eigenverantwortlich übernehmen, die bisher Ärzten vorbehalten waren
  2. MD-Qualitätsprüfungen werden früher angekündigt — auch bei ambulanten Pflegediensten
  3. Bei nachgewiesen hoher Qualität verlängert sich der Prüfintervall von 1 auf 2 Jahre

2. Was der Referentenentwurf plant (Stand: 4. Juni 2026)

Wichtig: Das Folgende ist Entwurfsstand. Was tatsächlich Gesetz wird, entscheidet sich erst, wenn Kabinett, Bundestag und Bundesrat zugestimmt haben – Änderungen sind ausdrücklich noch möglich. Ich schreibe es trotzdem hier auf, damit Sie nicht überrascht werden.

Heim-Zuschüsse könnten langsamer steigen

Bisher gilt: Der Zuschuss der Pflegekasse zur Entlastung von Heimbewohnern steigt nach Aufenthaltsdauer — 15 % im ersten Jahr, 30 % im zweiten, 50 % im dritten, 75 % ab dem vierten Jahr.

Geplant: Diese Steigerung könnte über einen längeren Zeitraum gestreckt werden. Heißt im Klartext: Wer einen Angehörigen ins Heim gibt, zahlt länger einen höheren Eigenanteil. Die Pflegekassen sparen, die Familien zahlen.

Was Sie jetzt tun können: Wenn ein Heimplatz in den nächsten 12 Monaten realistisch wird, prüfe vorher mit einem Pflegeberater alle Alternativen — Tagespflege, 24h-Betreuung, Wohngruppe. Oft günstiger und für den Angehörigen besser.

Strengere MD-Begutachtung für Pflegegrade 1–3

Die Bewertungsschwellen sollen erneut geprüft werden. Konkret heißt das: Borderline-Fälle, die heute knapp Pflegegrad 2 erreichen, könnten nach der Reform bei Pflegegrad 1 oder ohne Pflegegrad landen.

Mein dringender Hinweis aus der Praxis: Wenn Sie das Gefühl haben, „eigentlich müsste das schon Pflegegrad 2 sein, aber ich warte noch ein halbes Jahr ab” — warte nicht. Ein abgelehnter Antrag ist nicht das Ende. Sie können Widerspruch einlegen.

Höhere Beiträge für Besserverdiener

Die Beitragsbemessungsgrenze in der Pflegeversicherung soll angehoben werden. Höhere Einkommen sollen stärker belastet werden. Die genaue Höhe ist noch offen.

Anspruch auf professionelle Pflegebegleitung

Warken hat angekündigt, einen gesetzlichen Anspruch auf professionelle Pflegebegleitung einzuführen — als Unterstützung für pflegende Angehörige. Das wäre, falls es so kommt, eine echte Entlastung. Details fehlen aber noch.


3. Was Sie jetzt konkret erledigen sollten — meine 5 Punkte aus der Praxis

Ich gebe Ihnen keine Panik-Empfehlung. Das hier ist die nüchterne Liste, die ich auch meiner eigenen Schwester geben würde, wenn ein Pflegefall in der Familie aufkommt.

Punkt 1: Pflegegrad-Antrag stellen, falls noch nicht geschehen

Der Antrag wird nach dem Stand zum Zeitpunkt der Antragstellung beurteilt. Wenn die Reform die Schwellen erhöht, gilt das nur für neue Anträge nach Inkrafttreten — nicht rückwirkend.

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Punkt 2: Bei einer aktuellen Ablehnung — Widerspruch einlegen

Wenn Ihr Pflegegrad-Antrag in den letzten 4 Wochen abgelehnt oder zu niedrig eingestuft wurde: Frist beachten — 1 Monat ab Bescheid. Ein Widerspruch ist formlos möglich. Begründung kann nachgereicht werden.

Aus der Heimaufsicht weiß ich: Etwa 30–40 % aller Widersprüche führen zu einer Höherstufung. Es lohnt sich fast immer.

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Punkt 3: Renten-Anrechnung sichern

Wenn Sie regelmäßig pflegen:

  1. Prüfe, ob die Pflegekasse die Beiträge zur Rentenversicherung für Sie abführt (das passiert automatisch — aber nur, wenn die Voraussetzungen oben erfüllt sind)
  2. Lass Ihnen von der Deutschen Rentenversicherung eine Renteninformation schicken (kostenlos)
  3. Bei Erreichen des Rentenalters: 99,99 %-Teilrente prüfen, statt Vollrente, falls Sie weiter pflegen

Belastungs-Radar: Wie viel Pflege leisten Sie wirklich? — wichtige Grundlage für die 10-Stunden-Schwelle

Punkt 4: Verhinderungspflege noch dieses Jahr nutzen

Verhinderungspflege ist eine der am schlechtesten ausgeschöpften Leistungen der Pflegeversicherung. Bis zu 1.685 Euro pro Jahr (Stand 2026) stehen Ihnen zu, wenn Sie als Hauptpflegeperson eine Auszeit brauchen. Das Geld verfällt am Jahresende.

Und niemand kann Ihnen heute sagen, ob die Reform an dieser Leistung schraubt. Also: dieses Jahr noch beantragen, dieses Jahr noch abrufen.

Punkt 5: Vorsorge-Dokumente aktualisieren

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung — alle drei sollten maximal 2 Jahre alt sein, sonst werden sie von Kliniken und Behörden mit Stirnrunzeln angesehen.

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4. Was die Reform NICHT ändert (Beruhigung)

Damit Sie nicht in unnötige Sorge geraten — folgende Punkte bleiben auch nach dem Referentenentwurf als Leistungen erhalten – zum Teil aber ab 2027 in neuer Form (Details im Update oben):

  1. Pflegegeld bei häuslicher Pflege — bleibt bestehen, soll ab 2027 im „Entlastungsbudget“ aufgehen
  2. Pflegesachleistung (ambulanter Dienst) — bleibt bestehen
  3. Kombination aus beidem — bleibt erlaubt
  4. Verhinderungs- und Kurzzeitpflege — bleiben erhalten, sollen aber ab 2027 ins neue „Überbrückungsbudget“ mit deutlich niedrigerem Jahresbetrag überführt werden
  5. Hilfsmittel-Pauschale (42 €/Monat) — bleibt für Pflegegrad 2–5 bestehen; bei Pflegegrad 1 soll sie als eigene Leistung entfallen
  6. Zuschuss zur Wohnraumanpassung (4.180 €) — bleibt bestehen

5. Mein persönliches Fazit

Ich bin in der Heimaufsicht durch zu viele Einrichtungen gegangen, um diese Reform mit reiner Begeisterung zu kommentieren. Was Warken vorschlägt, ist ein Sparpaket mit ein paar Verbesserungen — und nicht die strukturelle Reform, die die Pflege eigentlich braucht.

Aber: Sie als Angehörige können gerade jetzt sehr viel richtig machen, indem Sie nicht warten. Antrag stellen, Widerspruch einlegen wenn nötig, Renten-Anrechnung sichern, Verhinderungspflege abrufen. Die meisten Familien, die ich begleite, lassen jedes Jahr 3.000–8.000 Euro an Leistungen liegen — einfach, weil niemand erklärt, was geht.

Genau dafür ist PflegeGuide Pro da. Wenn Sie jetzt einen Einstieg brauchen, fang mit der kostenlosen Notfallbox an. Sie kostet Sie nichts, Sie können sie in 15 Minuten ausfüllen, und Sie haben danach das wichtigste Fundament zusammen.

Bleiben Sie gesund — und vergiss Sie selbst nicht.
Annika


Quellen

Stand: 13. Juli 2026 — aktualisiert nach den Kabinetts-Verschiebungen und dem Referentenentwurf vom 4. Juni; wird nach dem Kabinettsbeschluss erneut aktualisiert
Disclaimer: Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung. Für Ihren Einzelfall wende Sie an einen Pflegestützpunkt in Ihrer Nähe oder eine zugelassene Pflegeberatung nach § 7a SGB XI.

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Über die Autorin

Annika Joos ist Gründerin von PflegeGuide Pro und schreibt mit langjähriger Erfahrung aus der Pflegepraxis für pflegende Angehörige in Deutschland.

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ℹ️ Rechtlicher Hinweis: Die Informationen basieren auf der Rechtslage nach SGB XI, Stand Juni 2026. Leistungsbeträge und gesetzliche Grundlagen können sich durch Gesetzesreformen ändern. PflegeGuide Pro ersetzt keine individuelle Rechts- oder Pflegeberatung. Bitte wenden Sie sich für verbindliche Auskünfte an eine qualifizierte Fachstelle.

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